Kommentar: Das Aussterben des Einzelhandels

Kommentar: Das Aussterben des Einzelhandels

Zum Ende des Monats Januar schloss in meiner Heimat der letzte unabhängige, privat geführte Lego-Spielwarenladen. Ein Kommentar.

Wie bei so vielen Veränderungen im Stadtbild wird ein weiterer Ort meiner Kindheitserinnerungen unwiederbringlich zerstört. Und wie das so ist, wenn man älter wird, betrachte ich die Entwicklungen meist mit einem weinenden und einem wütenden Auge. Denn augenscheinlich geht die Entwicklung selten in eine gute Richtung. Gaststätten und kleine Läden schließen. Charme- und gesichtslose Gebäude mit unerschwinglichen Eigentumswohnungen werden an ihrer Stelle gebaut. In naher Zukunft wird das Fakultätsgebäude, in welchem ich studiert habe, abgerissen.

Wenn man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Foto von jpbaeb auf flickr.

Das Problem

Verantwortlich für diese Entwicklung ist bekannterweise der stetige strukturelle Wandel in vielen Bereichen der Gesellschaft. Die Menschen werden mobiler. Es ist heute viel einfacher und günstiger mit dem Auto zum Großmarkt zu fahren, welcher mit niedrigen Preisen aufwartet. Und natürlich sind die Möglichkeiten, im Internet Produkte schnell zu vergleichen und einfach alles Erdenkliche nach Hause liefern zu lassen, schier unbegrenzt. Wer damit nicht mithalten kann muss weichen.

Ich stelle mir hierbei oft die Frage, wie man sich als Konsument gemäß der eigenen Ethik verhalten sollte. Den Paketboten mit Bezahlung oft unter Mindestlohn (wie in diesem Faz-Artikel nachzulesen ist) zur Wohnung schicken lassen, um Onlineangebote zu nutzen? Oder doch selbst vor die Türe gehen, auch wenn die eigene Freizeit ohnehin schon knapp ist? Im von mir angesprochenen Spielwarenladen gab es auf Lego durchgängig 15% Rabatt im Vergleich zur UVP. Das ist natürlich attraktiv und wurde immer wieder von mir genutzt. Aber auch diese Preise werden durch Amazon und Co. schnell unterboten.

Der Online-Handel – unsere neue Liebe. Foto von jamerco auf flickr.

Die Ursache

Das Preisniveau von Lego bei den großen Anbietern ähnelt inzwischen dem Oligopol der Mineralölkonzerne – man bekommt bis auf wenige Exklusivtitel überall das Gleiche und die Preise werden im Minutentakt auf die Konkurrenz angepasst. Startet Galeria Kaufhof eine Rabattaktion, so sind diese Preise in kürzester Zeit auch auf Amazon abrufbar.

Auf der Strecke bleiben dabei jene Einzelhändler, welche mit diesem Tempo nicht mithalten können. Hier muss man sich auf durchgängig gute Angebote, eine ausreichende Auswahl und freundliches Personal verlassen. Und nicht zuletzt macht es natürlich gerade uns Baustein-Enthusiasten Spaß durch meterhohe Regale, gefüllt mit Legokartons, zu wandern. Dieses Glücksgefühl bekommt man online nicht.

Gute Miene zum bösen Spiel. Foto von photography.andreas auf flickr.

Die Schlussfolgerung

Trotzdem, so sehr es mir auch eine Freude bereitet, ein Set direkt im Laden zu kaufen, der Preis bleibt für mich der entscheidende Faktor. Wenn eine Preisreduzierung online eher unwahrscheinlich oder in nächster Zeit nicht absehbar ist, kaufe ich mir das Set im Einzelhandel und fühle mich ein bisschen gut dabei. Wenn online ein Topangebot wartet, schlage ich eben dort zu. Man tut so viel wie man kann – oder eben möchte.

Denn wir reden hier nicht davon, ob man seine Lebensmittel, also die Grundbedürfnisse, am Bauernmarkt kauft oder mittels Prime Now liefern lässt. Lego ist ein Luxusprodukt, welches sich nicht jeder leisten kann. Man sollte sich glücklich schätzen, überhaupt maßlos überteuerte Plastiksteine erwerben zu können. Und hierbei ein paar Euro sparen zu wollen ist völlig in Ordnung, solange man den Onlinehandel anderweitig nicht für alle Bedürfnisse des Lebens benutzt. Denn die dort vorherrschenden politisch geduldeten Arbeits- und Rahmenbedingungen, wie der extrem niedrige Steuersatz internationaler Konzerne, sind schlicht nicht akzeptabel. Drink Buy responsibly.

Ich habe mir beim „Schlussverkauf wegen Geschäftsaufgabe“ meines örtlichen Händlers übrigens eine Einkaufswagenladung Lego mit 50% Rabatt gesichert. So viele Sets auf einmal, wie noch nie bei einem Einkauf zuvor. Ich freute mich über die einmalige Gelegenheit – und kam mir gleichzeitig ein wenig schlecht vor. Bleiben fortan noch die Erinnerungen.

Das Titelbild stammt übrigens von im.mick, wie die übrigen Fotos auf flickr entdeckt und für gut befunden.

3 Kommentare
Michael
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3 Kommentare

  • HawaiiToad
    18. März 2019, 10:52

    Jeder liebt Schnäppchen.
    Ich möchte etwas haben und sehe, dass ich es irgendwo günstiger bekommen kann, als zu dem normalen Preis. Wer wäre da nicht erst Mal begeistert?
    Nun hat aber eben jede Geschichte auch (mindestens) 2 Seiten.
    Die Einkaufsstraßen meiner Kindheit sehen heute alle anders als damals. Seien es die Straßen beider Stadtteile in denen in aufgewachsen bin, oder die Haupteinkaufsstraße in Kiel (Holstenstraße).
    Schuld an der Entwicklung ist der Kunde.
    Die "Geiz ist geil"-Mentalität hat eben auch ihre Schattenseiten.
    Wer kann es sich denn heute noch leisten einen Laden zu eröffnen (und welcher davon erlebt sein 5jähriges Jubiläum?)?
    So kommt es das heute alle Einkaufsstraßen nahezu gleich aussehen. "Abwechslung" bringt da höchstens ob erst der Media Markt/Saturn kommt und dann Douglas und Thalia oder erst Douglas, dann Saturn und danach Thalia.
    Überall schlürfen die Leute ihren "Konfitüren-Doppel-Sahne-Kaffee" vom Steuermann des alten Walfängers.
    Wenn die Leute denn überhaupt noch rausgehen zum Einkaufen. Online macht es ja noch einfacher und billiger.
    Die Situation bei Amazon für die Mitarbeiter blenden wir dabei ebenso gerne aus, wie auch was es heißt Dienstleister bei DHL oder Hermes zu sein. Hauptsache es ist 20% günstiger als im Laden und wehe es ist nicht innerhalb von 2 Tagen da, dann setzt es schon die erste Beschwerde.
    Der Ladenbetreiber hat aber Ladenmiete und Energiekosten zu tragen und möchte sich und ggf. seinen Mitarbeiter(n) auch ein Gehalt auszahlen, von dem sie leben können.
    Doch wie soll man das schaffen bei einem Fachgeschäft mit schmalen und ggf. auch flachen Sortiment? Je spezieller das Angebot, desto weniger potentielle Kunden.
    Bei manchen Dingen ist es auch schlichtweg dämlich online zu bestellen oder die große Kette zu besuchen, statt den kleinen Händler an der Ecke, der im gleichem Stadtteil lebt.
    Schon mal was von Buchpreisbindung gehört?

    Um nun die Kurve zu unserem Hobby zu kriegen:
    Ich kaufe im Geschäft. Ich möchte das Produkt in der Hand halten und begutachten und dann meine Kaufentscheidung fällen.
    Auch ich kann in Kiel manchmal 20% oder 3 für 2 rausschlagen, aber manche Sets kaufe ich auch zum Original-Preis oder im Lego Shop, auch wenn es dort dann nur 5% auf den nächsten Einkauf gibt.
    Das ist es mir wert.

    mfg HT / Christian

    REPLY
    • Michael@HawaiiToad
      18. März 2019, 11:46

      Hey Christian, vielen Dank für deinen Beitrag.

      Ich stimme dir im Grunde vollkommen zu. Denn genauso wie in Kiel sieht es inzwischen in jeder deuschen Stadt aus. Ich habe hierbei noch das Glück in Berlin zu wohnen. Zwar gibt es hier die gleiche langweilige Auswahl wie überall sonst auch, aber eben auch viele Alternativen, welche man in kleineren Städten oft gar nicht hat. Und wenn man diese letzten Alternativen nicht unterstützt, weiß man, wie das Ende aussehen wird.

      Gerade die Buchpreisbindung ist ein guter Hinweis, sollte man in diesem Segment keinesfalls Amazon unterstützen, welche außerhalb dieser Regelung einen niedrigeren Preis durchgedrückt haben.

      Dass du grundsätzlich im Laden kauftst finde ich eine gute Sache, genau darauf zielt der Artikel ab.
      Wenn man es sich leisten kann und selbst bei Lego nicht unbedingt sparen muss, umso besser.

      beste Grüße
      Michael

      REPLY
      • HawaiiToad@Michael
        18. März 2019, 22:14

        Ich arbeite selbst im Einzelhandel.
        Entsprechend kaufe meinen Tee im Teeladen, meine Mangas und Merchandise im Fantasyladen, meine Games im Fachgeschäft, gehe ins Kino und ins Restaurant usw..
        Ist für mich ein ganz stupider Wirtschaftskreislauf: Wenn ich überall mein Geld lasse, haben die auch eventuell alle ein gutes Gehalt,voni dem sie dann wieder bei mir einkaufen gehen können.
        Wer überall spart sägt irgendwann auch am eigenem Stuhl und verschandelt nebenbei sein Stadtbild mit.
        Natürlich weiß ich, dass ich vieles woanders günstiger bekommen könnte.
        Man muß aber auch nicht alles immer sofort haben. Auch das erhöht den Reiz und läßt auch kleinere Anschaffungen wertvoller erscheinen.

        mfg HT/ Christian

        REPLY

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